Crasht die Troll-Party

Dieser Kommentar wurde am 3. April auf SRG-insider das erste Mal publiziert. 

Die letzte Seite war die erste: Als Kind liebte ich Lesebriefe. Ich fand es spannend, zu sehen, wie Menschen denken, ihre Empfindungen und Gedanken in Worte packen. Der unverhohlene Ton machte das Lesen kurzweilig und die offen ausgetragenen Konflikte bildeten einen Kontrast zu den ergrauten Printkommentatoren. Mit dem Aufkommen der Sozialen Medien konnte ich auch mitdiskutieren. Was für Eminem die Strasse ist, waren für mich die Kommentarspalten auf Facebook: Hier konnte ich meine Argumente auf der Bühne des Internets erproben. Ich stürzte mich in Online-Debatten. Stritt mit Fremden bis Trolle die Diskurse enterten und sie in eine Meinungssuppe der Misanthropie verwandelten. Ich schoss zurück, provozierte, agitierte. Vergebens. Mit gestrecktem Mittelfinger zog ich mich zurück. Hate yourself!

Ich blieb abstinent. Hielt mich raus. Bis vor zwei Wochen als ich in den Kommentaren stecken blieb, die den Aufruf von fünf Frauen zum ‹Women's March› in Zürich behandelte. Ich fand mich im virtuellen Bürgerbräukeller wieder: Da wurde gehasst, wie ich es nur aus den Geschichtsbüchern kannte. In einem Tag las ich 1’500 Kommentare, reagierte auf Dutzende, reichte bei der Polizei zwei Anzeigen ein. Trolle sind eine Minderheit, die sich zu einer Mehrheit aufplustern und mit ihrem aggressiven Gebaren eine selektive Gravitationskraft schaffen: Ihresgleichen anziehen, vereinigen und Vernünftige mit Hass vertreiben. Sie klopfen sich auf die Schultern und feiern ihre Unverfrorenheit. Wir müssen diese Party crashen.

Das deutsche Justizministerium geht voran und hat einen Gesetzentwurf vorgelegt. Geht es nach ihnen, sollen zukünftig soziale Plattformen, die es verpassen, Hassposts in nützlicher Frist zu entfernen, mit hohen Bussen belegt werden. Ein Anfang. Doch das reicht nicht. Es liegt an der Community, Trolle in die Schranken zu weisen. Es braucht Zivilcourage. Counter Speech. Wir müssen im virtuellen Raum adaptieren, was in der Realität ganz gut funktioniert. Menschen die angegriffen werden, schützen; humanistische Werte mit dem Touchscreen verteidigen. Zivilen Widerstand leisten.

Wie tut man das am besten? ‹Dem Hass begegnen, lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt›, schreibt die deutsche Philosophin Carolin Emcke in ihrem Buch ‹Gegen den Hass› und artikuliert, was auch online gelten soll: Provokationen, Wertungen, Beleidigungen vermeiden; mit freundlichem Ton ins Leere laufen lassen. Hassredner sachlich auf ihre Vergehen aufmerksam machen, die bestehenden Meldeinstrumente der Plattformen aktiv nutzen und Kommentare, die das Gesetz brechen, bei der Polizei anzeigen. Nicht wegsehen. Normverstösse verurteilen, so sozialen Druck aufbauen und Unflätigkeit darin ersaufen lassen. Trolle sind mächtig, weil man ihnen Platz macht und sich aus Faulheit und Gründen der Psychohygiene zurückzieht. Wie ich es tat. Es geht im reellen und virtuellen Leben darum, dem Hass keine Deutungshoheit zu überlassen. Vergrämen wir also die Wutbürger mit dem Lärm des Anstandes.