Heimat: das Nest der Nationalisten

Wir wollen über Heimat diskutieren, sprechen aber über Rassismus und Rechtspopulismus. Was läuft hier schief?

Dieser Essay wurde erstmals am 10. November 2017 auf philosophie.ch publiziert. 

Für mich war Heimat etwas Selbstverständliches. Sie war einfach da. Im Herbst der dumpfe Pilzgeruch des Waldes, der nussige Geschmack einer Rüblitorte und die Feuchte, welche sich nach dem Gang durchs Herbstlaub in die Schuhe schlich. Kindheitserinnerungen, Gefühle, die Geborgenheit und Sicherheit hervorrufen. Und als ich vor ein paar Jahren in die Stadt zog, gesellten sich neue Eindrücke hinzu. Der Knall des Funkenschlages an der Tramoberleitung und der kräftige Espresso beim Italiener am anderen Ende der Strasse.

Aber meinen wir diese Erfahrungen, wenn wir von Heimat sprechen? Die Heimat begegnet mir üblicherweise in ganz anderen, in politischen Kontexten. So auch als Diskussionsteilnehmer am Salongespräch im Stapferhaus Lenzburg zur Frage «Was ist Heimat?». Wir besprechen die erlebbaren Nebenwirkungen des europaweiten Rechtsrutsches. Die Sehnsucht eines beachtlichen Teils der westlichen Bevölkerung nach abgrenzbaren nationalen Identitäten, die sich in der globalisierten Welt aufzulösen drohen wie eine Brausetablette im Wasserglas, und das damit verbundene Comeback von Rassisten und Angstmachern. Die Diskussion dreht sich um diejenigen Kräfte, die Heimat schützen und verteidigen möchten – gegen Ausländer, Linke und das sonstige Pack. Mit dem Herbstlaub und meiner Rüblitorte hat das nichts mehr zu tun.

Heute springt einen das Wort Heimat von überallher an. Aus allen politischen Ecken, aufgeladen und ideologisch erhitzt. Sie stellt mehr Fragen, als dass sie Antworten liefert. Durch seine Vieldeutigkeit ist der Begriff prädestiniert für politischen Missbrauch. Im Wahlprogramm der «Alternative für Deutschland» ist die Rede von «Heimatschutzkräften» und es heisst, «jeder Migrant oder Einwanderer» müsse sich seiner «neuen Heimat und der deutschen Leitkultur» anpassen. Die wählerstarke nationalistische Partei Österreichs, die FPÖ, spricht im Parteiprogramm von der Politik aus «Liebe zur Heimat». Katrin Göring-Eckardt bedient sich desselben Vokabulars und sagte vor Kurzem an einem Parteitag in Berlin: «Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht. Für diese Heimat werden wir kämpfen.» [1] Katrin Göring-Eckardt ist übrigens keine AfD-Politikerin. Sie ist Grüne, gehört also derjenigen Partei an, die einst als linke «Anti-Parteien-Partei» in den 80ern mit Turnschuhen und flatterndem Hemd in den Bundestag eingezogen ist.

Wenn sich eine Grüne-Politikerin plötzlich wie eine Nationalistin gebärdet, dann versucht sie entweder Stimmen am rechten Rand zu fischen oder – realistischer – sie will Deutungshoheit über einen Begriff zurückerlangen, die sie verloren hat. In einem Gastkommentar in der linken Tageszeitung «taz» unterstrich sie ein paar Tage nach ihrer Brandrede, dass der Begriff der Heimat nicht kampflos den Rechten überlassen werden dürfe. [2] Das Problem: Im Gegensatz zu den Nationalisten kann sie keine Antworten liefern auf die Fragen, welche dem Heimatsbegriff anhaften: Wem gehört die Heimat? Wer bestimmt, was Heimat ist? Was ist unsere Heimat?

Diese Fragen können nur mit Abgrenzung und Ausschluss beantwortet werden und sind so eine Vorlage für Parteien, die sich durch ihre Fremdenfeindlichkeit propagieren. Der Begriff Heimat tut sich schwer mit dem Pluralismus. Göring-Eckardt sagt nicht: Für unsere Heimaten werden wir kämpfen! Wir lieben unsere Heimaten! Der gemeinschaftliche Versuch – in der Partei, im Land – die Frage zu beantworten, was «unsere Heimat» ausmacht, endet immer darin, dass die unbeteiligten Menschen ausgeschlossen und individuelle Vorstellungen von Identität und Lebenswelt aus dem Raum der politischen Heimatsideologie verdrängt werden.

Lässt man sich auf die politische Debatte um die Deutung von Heimat ein, geht der Plan der Nationalisten auf. Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink hat gesagt: «So sehr Heimat auf einen Ort bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder ein Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort, Heimat ist Utopie.» [3]. Sie werde denaturiert, wenn Phantasie und Realität aneinander festgezurrt, der Nichtort zum Ort gemacht würde und die Heimatideologie politische und rechtliche Gestalt annehme. Sich in der Reaktion auf völkische Fantasien der Diskussion um Heimat herzugeben, ist also eine Falle. Man beteiligt sich am Missbrauch des Heimatbegriffes und wird so unfreiwilliger Komplize.

Was tun mit der denaturierten Heimat? Mein Vorschlag: Überlasst die Heimat den Nationalisten, lasst sie in ihren Parteiprogrammen verstauben, bis sie als Überbleibsel der Vergangenheit ihren Reiz und somit ihre politische Wirkung verlieren wird. Das schliesst freilich die Sehnsucht nach einer persönlichen, an einen Ort gebundenen Identität nicht aus. Aber das H-Wort? Dieses werde ich rechts liegen lassen.

[1] https://www.nzz.ch/feuilleton/die-gruenen-streiten-sich-ueber-einen-begriff-ld.1319781
[2] http://www.taz.de/!5451388/
[3] Bernhard Schlink, Heimat als Utopie, edition suhrkamp, Erste Auflage, 2000