+++ Don't Feed the Show +++

Diesen Sommer bin ich per Anhalter quer durch die USA gereist. Mein Ziel war es, Amerikaner besser zu verstehen; mit den Menschen in Kontakt zu treten, die das Substrat für Phänomene wie Trump bilden, im Glauben daran, dass die USA so etwas wie das Orakel Europas seien. Vieles das bei uns mündet, quillt auf der anderen Seite des Ozeans.

Aufgebrochen bin ich um Klischees zu konfrontieren, in Zürich gelandet mit neuen im Rucksack, der grossen Ernüchterung, dass es dieses freie Amerika aus meinen Lieblingsbüchern von Hemingway, Kerouac, Capote nie gegeben hat, nicht mehr gibt oder ich daran vorbeigebraust bin und «oh sweet boy, you haven’t been to the south yet».

Die US-Wahlen? Dazu ist alles gesagt. Sie sind ein dankbares Thema, beinhalten was ein Drama benötigt: Macht, Emotionen, Hass, Wut, Sex. Ein Selbstbedienungsladen und darum wird so viel darüber geschrieben, diskutiert, geklickt. Was kann ich noch dazu beitragen? Nicht viel. Darum steige jetzt aus, wenn du genug hast. Ich würde es tun. 

 

 

*   Die US-Wahlen 2004 waren das erste politische Grossereignis, dem ich meine Aufmerksamkeit schenkte. Bush gegen Kerry. Der Plot war perfekt: Ein kriegstreibender Bösewicht gegen den charismatische Demokraten John Kerry und so viel wusste ich als Primarschüler ins Schachbrett-Raster einzuordnen – Krieg böse; demokratisch irgendwie gut. Das packt. Ich war wütend, als die Amerikaner den fleischgewordenen Dr. No für weitere vier Jahre zu ihrem Anführer gewählt hatten.

Vier Jahre nach dem Bush-Debakel, der nächste Thriller: Wir ordneten im Fussball-Training die Mannschaften nach McCain- und Obama-Befürwortern. Im apolitischen Milieu des Provinzfussballs, begeisterten sich pubertierende, mehrheitlich bildungsferne Jungs, für die US-Wahlen. In keinem Training davor und danach zählte ich mehr Blutgrätschen.

Um mein Leben in der Retrospektive zu filetieren, brauche ich Fixpunkte. Bei mir sind das US-Wahlen; um sie wattiere ich meine Erinnerungen. Das ist absurd: Wir dürfen nicht einlegen, die Präsidentschaft betrifft unsere lokale Lebenswelt nicht im Geringsten und trotzdem befinden sich diese Elections in unserem Aufmerksamkeitszentrum. 

 

***Es – gibt – keinen – Weltmonarchen***

Was ist der Appeal? Die Amerikaner wählen hoffentlich die mächtigste Frau der Welt. Die mächtigste Person der Welt? Das eine so wohlklingende, einfache Zuspitzung, die sich über Headlines in den politischen Wortschatz eingeschlichen hat. Scheint harmlos, ist es aber nicht: In Demokratien hat der Superlativ von Macht nichts verloren. Zugestanden, das reformbedürftige politische System der USA erlaubt den Personenkult, doch das ein amerikanischer Präsident nur das ist, was seine Staatsorgane, Administration und Auslandpartner sind, haben die Obama Legislaturen deutlich gezeigt.

Die Amerikaner wählen keinen Weltmonarchen. Die USA sind ohne Frage wichtig, aber nicht so. Der Superhype um die Präsidentschaftswahlen hat in diesem Jahr nicht nur in den USA, sondern auch in Europa Black-Hole-Dimensionen angenommen: Wie ein galaktischer Staubsauger, absorbieren sie was an Aufmerksamkeit da ist und hinterlassen eine Wüste der Verdrossenheit. TrUmp Clinton cLinton Der TrUmp Genozid ClinTon in TruMp Syrien TrUmp TRUMP, ClInton der TRUMP TRUMp türkische CLinton TrUMp Diktaturspross ClinTOn werden TrumP an TrumP die  Clinton Wand gedrückt vom blinkenden stars-and-stripes Riesenelefanten.

 

OMG! Trump geht mit mir ins Bett!!!

Was ich den USA gelernt habe: Politikverdrossenheit ist ein Donald Trump-Pickel. Die Menschen sind überfordert, verschliessen sich, im Getöse gehen die feinen, vernünftigen Stimmen und die wahren politischen Herausforderungen unter. Habe ich gefragt, was denn sonst die anderen drei Jahre ohne Präsidentschaftswahlen auf Interesse gestossen sei, «well, you know, there was a vote on cannabis legalisation». Und Verschwörungstheorien, so krude und unfundiert, dass selbst der Kopp-Verlag sie nicht drucken würde.

Ich bin zum Ende dieses US-Wahlkampfes so politikbesoffen, dass ich jeden Link, jede Headline, jedes Gespräch, dass sich mit dem US-Wahlkampf auseinandersetzt, von mir stosse. Aufmerksamkeit ist ein begrenztes Gut, wir richten es auf Dinge, die uns interessieren, aber auch auf solche die mit Pauken und Trompeten darum buhlen. Ist sie verbraucht, fehlt sie bei anderen Themen oder wir haben keine Lust mehr, sie überhaupt noch auf Politik zu richten. Das nennt sich dann Verdrossenheit. In Zeiten in denen vernünftige Politik auf dem Aufmerksamkeitsmarkt so sexy ist wie Birkenstocksandalen, gilt es, sie vor populistischen Einfällen zu schützen. Ich für meinen Teil habe diesen Wahlen zu viel Raum gegeben: Trump begrüsst mich auf Twitter zum Morgenkaffee und Clinton trällert mir am Abend via Facebook ein Gutnachlied.  

Was habe ich gelernt? Dieser egozentrische US-Wahlkampf ist zu prominent. Nach zwei Monaten Transamerika ist mir kein Unterschied aufgefallen: Hier und da, haben die Wahlen denselben Stellenwert. Es geht jede Verhältnismässigkeit verloren. Der globale Fokus auf diese Art von amerikanischer Show-Politik vergiftet, engt den Horizont ein und zementiert den weitläufigen simplifizierten Fehlglauben einer westlichen Kulturherrschaft. Dieser Wahlkampf hat während eines Jahres Zwecknegativismus verbreitet; der Effekt ist politische Müdigkeit und die Bekräftigung derjenigen Stimmen, die sowieso behaupten Politik sei instrumentalisiert, verändere nichts und habe keine Visionen mehr.

 

Das letzte Mal Trump

Unabhängig davon wer am Dienstag gewinnt, Trump hat gewonnen. Nach zwei Monaten auf der Strasse weiss ich, was die Mischung aus Segregation, Polizeiwillkür, Arbeitslosigkeit und Kriminalität mit den Menschen am Ende der Nahrungskette macht. Die Wut, das Unverständnis. Nährboden für Fliegenfänger wie Trump. Die einzige Möglichkeit sich solchen Bewegungen entgegenzustellen, ist das Argument. Lösungen, Wahrheiten lassen Wutpolitiker ins Leere laufen.  Das braucht Geduld, scheint ineffizient, doch die Praxis bestätigt: Hillary Clinton stand (hoffentlich) dann als Siegerin fest, als sie in den Fernsehdebatten mit ihrer argumentativen Überlegenheit gewann, ohne Animositäten.

Ich befürchte das Model Trump wird Schule machen, auch in Europa. Wir müssen lernen unsere Aufmerksamkeit wieder so zu ordnen, dass diese Polterfürsten beim Warmlaufen untergehen. Sie nicht verharmlosen, aber sich nicht ihrem Stil anpassen. Ihre Gefahr aufzeigen, sie aber nicht grösser machen, als sie sind. Das Argument gewinnt, immer, auch wenn es lange nicht danach aussah.