Das Laster der Fliegerei

Kerosin ist das Schmiermittel der Globalisierung. Nur blöd, dass die Luftfahrt den Planeten zerstört. Wie geht die Schweiz damit um?

*Dieser Essay ist im Dezember 2017 im Rahmen einer Schreibübung entstanden. . 

Läge die Schweiz in der Arktis, sie würde untergehen.

Ein deutsch-amerikanisches Forscherduo hat berechnet, dass ein Flug von Frankfurt nach San Francisco und zurück fünf Quadratmeter Arktiseis verschwinden lässt. Die Schweizer Bevölkerung fliegt doppelt so viel wie die der Nachbarländer: 9’000 Kilometer pro Jahr und Kopf – das entspräche zweieinhalb Quadratmetern Eis. Während die Statistiken zeigen, dass Schweizer Haushalte in vielen Bereichen ökologischer werden, ist die Luftfahrt die am stärksten wachsende Emissionskategorie. In den letzten fünf Jahren hat sie sich fast verdoppelt, ihr Anteil am Schweizer Klimaeffekt beträgt 18 Prozent.

Die Menschheit bläst heute so viele Treibhausgase in die Atmosphäre, dass die mittlere Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts laut der Uno um 4 Grad steigen könnte. Das wäre ein Armageddon. Millionen Menschen würden ihr Zuhause verlieren, Tierarten aussterben, Dürren ganze Landstriche in Wüsten verwandeln.

Mit dem Horrorszenario im Rücken verabschiedete die Pariser Klimakonferenz im letzten Jahr ein Klimaabkommen mit dem Vorsatz, die Erderwärmung pauschal unter 2 Grad zu halten. Auch die Schweiz ist dabei. Der Vertrag ist ein Fortschritt. Die Konferenz stellte sich hinter Ziele, die Entschlossenheit ausdrücken und Hoffnung schüren, dass die Welt nicht ohne einen Rettungsversuch dem menschlichen Versagen ausgeliefert bleibt – Ein starker Kontrast zur Passivität der letzten Jahre.

Doch im Hinblick auf die düsteren Prognosen der Wissenschaft ist das Abkommen schwach: In den meisten Ländern bleiben staatliche Subventionen für fossile Energieträger unangetastet und die Luftfahrt wird mit keiner Silbe erwähnt. Hier hat der Wille zum Kompromiss ein Ende. Keine Regierung geht die Fliegerei freiwillig hart an. Sie haben gute Gründe. Die globale Wirtschaft ist auf die Flugzeuge angewiesen, wie die Landwirtschaft auf ihre Traktoren. Und jede kluge Regierung weiss: Versuche nie, einem Bauern den Traktor wegzunehmen.

Wäre die Luftfahrt im Klimaabkommen eingeschlossen, würden die wenigsten westlichen Industrienationen ihre hochgesteckten Ziele erreichen. Auch die Schweiz als Streberin unter den Klimasündern hätte grösste Mühen. Der Bundesrat denkt zwar laut darüber nach, Ölheizungen oder Dieselmotoren zu verbieten, um damit den Erwartungen der Klimaziele gerecht zu werden, die Luftfahrt als Umweltsau hingegen bleibt im grünen Schatten des Pariser Abkommens unangetastet. Emissionen, die im Klimazeugnis nicht bewertet werden, zählen für die Schweizer Politik nicht. Derzeit unternimmt kein Land genug, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Auch die Schweiz nicht. 7 Der eigentliche Skandal: Die Schweiz lässt die Luftfahrtbranche nicht nur in Ruhe, sondern sie subventionieren sie auch indirekt. Die internationale Luftfahrt ist von den Mehrwert- und Mineralölsteuern befreit, die beim Autobenzin über die Hälfte des Preises ausmachen. Hinzu kommt, dass der Europäischen Binnenmarkt den Aufstieg von Billigairlines wie Easyjet ermöglicht und so traditionelle Fluggesellschaften einem enormen Preisdruck ausgesetzt hat. Fliegen war noch nie so billig. Die tiefen Preisen begünstigen die globalen Handelsströme und füttern die Mobilitätswut einer jungen Generation, die es in die Ferne zieht.

Wie kann die Schweiz verhindern, dass die Flugemissionen weiter rasant zunehmen? Die Lösung ergibt sich aus dem Problem. Die Preise müssen wieder drastisch steigen: Kerosin muss wie alle anderen Mineralöle besteuert, die Mehrwertsteuer aufgeschlagen werden. Es braucht eine zusätzliche Ticketsteuer, wie sie bereits alle wirtschaftsstarken europäischen Staaten kennen. Das umweltschädliche Verkehrsmittel wurde zu lange verhätschelt und ökonomische Befindlichkeiten haben angesichts der drohenden Katastrophe keine Berechtigung mehr. Das Shoppingwochenende am anderen Ende der Welt wird dann keinen Spass mehr machen, wenn kein Geld zum Einkaufen übrigbleibt. Der Staat kann seine Bürger zwar mit Steuern bestrafen wie Pawlov seinen Hund und hoffen, dass er irgendwann begreift. Doch die Schmerzensgrenze liegt in der reichen Schweiz hoch. Am Ende entscheidet immer der Konsument, die Konsumentin. Die Verantwortung liegt bei ihnen. Es mag Gründe geben, die das Fliegen rechtfertigen. Die Liebe. Das Flüchtlingsprojekt. Ausreden, Erklärungen sind viele zur Hand. Lohnt es sich dafür die hohen Emissionen in Kauf zu nehmen? Stellen Sie sich bei nächsten Ticketkauf vor, ihr Zuhause wäre eine Eisscholle von der Grösse ihres Schlafzimmers. Würden Sie jetzt noch in ein Flugzeug steigen?

Heimat: das Nest der Nationalisten

Wir wollen über Heimat diskutieren, sprechen aber über Rassismus und Rechtspopulismus. Was läuft hier schief?

Dieser Essay wurde erstmals am 10. November 2017 auf philosophie.ch publiziert. 

Für mich war Heimat etwas Selbstverständliches. Sie war einfach da. Im Herbst der dumpfe Pilzgeruch des Waldes, der nussige Geschmack einer Rüblitorte und die Feuchte, welche sich nach dem Gang durchs Herbstlaub in die Schuhe schlich. Kindheitserinnerungen, Gefühle, die Geborgenheit und Sicherheit hervorrufen. Und als ich vor ein paar Jahren in die Stadt zog, gesellten sich neue Eindrücke hinzu. Der Knall des Funkenschlages an der Tramoberleitung und der kräftige Espresso beim Italiener am anderen Ende der Strasse.

Aber meinen wir diese Erfahrungen, wenn wir von Heimat sprechen? Die Heimat begegnet mir üblicherweise in ganz anderen, in politischen Kontexten. So auch als Diskussionsteilnehmer am Salongespräch im Stapferhaus Lenzburg zur Frage «Was ist Heimat?». Wir besprechen die erlebbaren Nebenwirkungen des europaweiten Rechtsrutsches. Die Sehnsucht eines beachtlichen Teils der westlichen Bevölkerung nach abgrenzbaren nationalen Identitäten, die sich in der globalisierten Welt aufzulösen drohen wie eine Brausetablette im Wasserglas, und das damit verbundene Comeback von Rassisten und Angstmachern. Die Diskussion dreht sich um diejenigen Kräfte, die Heimat schützen und verteidigen möchten – gegen Ausländer, Linke und das sonstige Pack. Mit dem Herbstlaub und meiner Rüblitorte hat das nichts mehr zu tun.

Heute springt einen das Wort Heimat von überallher an. Aus allen politischen Ecken, aufgeladen und ideologisch erhitzt. Sie stellt mehr Fragen, als dass sie Antworten liefert. Durch seine Vieldeutigkeit ist der Begriff prädestiniert für politischen Missbrauch. Im Wahlprogramm der «Alternative für Deutschland» ist die Rede von «Heimatschutzkräften» und es heisst, «jeder Migrant oder Einwanderer» müsse sich seiner «neuen Heimat und der deutschen Leitkultur» anpassen. Die wählerstarke nationalistische Partei Österreichs, die FPÖ, spricht im Parteiprogramm von der Politik aus «Liebe zur Heimat». Katrin Göring-Eckardt bedient sich desselben Vokabulars und sagte vor Kurzem an einem Parteitag in Berlin: «Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht. Für diese Heimat werden wir kämpfen.» [1] Katrin Göring-Eckardt ist übrigens keine AfD-Politikerin. Sie ist Grüne, gehört also derjenigen Partei an, die einst als linke «Anti-Parteien-Partei» in den 80ern mit Turnschuhen und flatterndem Hemd in den Bundestag eingezogen ist.

Wenn sich eine Grüne-Politikerin plötzlich wie eine Nationalistin gebärdet, dann versucht sie entweder Stimmen am rechten Rand zu fischen oder – realistischer – sie will Deutungshoheit über einen Begriff zurückerlangen, die sie verloren hat. In einem Gastkommentar in der linken Tageszeitung «taz» unterstrich sie ein paar Tage nach ihrer Brandrede, dass der Begriff der Heimat nicht kampflos den Rechten überlassen werden dürfe. [2] Das Problem: Im Gegensatz zu den Nationalisten kann sie keine Antworten liefern auf die Fragen, welche dem Heimatsbegriff anhaften: Wem gehört die Heimat? Wer bestimmt, was Heimat ist? Was ist unsere Heimat?

Diese Fragen können nur mit Abgrenzung und Ausschluss beantwortet werden und sind so eine Vorlage für Parteien, die sich durch ihre Fremdenfeindlichkeit propagieren. Der Begriff Heimat tut sich schwer mit dem Pluralismus. Göring-Eckardt sagt nicht: Für unsere Heimaten werden wir kämpfen! Wir lieben unsere Heimaten! Der gemeinschaftliche Versuch – in der Partei, im Land – die Frage zu beantworten, was «unsere Heimat» ausmacht, endet immer darin, dass die unbeteiligten Menschen ausgeschlossen und individuelle Vorstellungen von Identität und Lebenswelt aus dem Raum der politischen Heimatsideologie verdrängt werden.

Lässt man sich auf die politische Debatte um die Deutung von Heimat ein, geht der Plan der Nationalisten auf. Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink hat gesagt: «So sehr Heimat auf einen Ort bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder ein Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort, Heimat ist Utopie.» [3]. Sie werde denaturiert, wenn Phantasie und Realität aneinander festgezurrt, der Nichtort zum Ort gemacht würde und die Heimatideologie politische und rechtliche Gestalt annehme. Sich in der Reaktion auf völkische Fantasien der Diskussion um Heimat herzugeben, ist also eine Falle. Man beteiligt sich am Missbrauch des Heimatbegriffes und wird so unfreiwilliger Komplize.

Was tun mit der denaturierten Heimat? Mein Vorschlag: Überlasst die Heimat den Nationalisten, lasst sie in ihren Parteiprogrammen verstauben, bis sie als Überbleibsel der Vergangenheit ihren Reiz und somit ihre politische Wirkung verlieren wird. Das schliesst freilich die Sehnsucht nach einer persönlichen, an einen Ort gebundenen Identität nicht aus. Aber das H-Wort? Dieses werde ich rechts liegen lassen.

[1] https://www.nzz.ch/feuilleton/die-gruenen-streiten-sich-ueber-einen-begriff-ld.1319781
[2] http://www.taz.de/!5451388/
[3] Bernhard Schlink, Heimat als Utopie, edition suhrkamp, Erste Auflage, 2000

Crasht die Troll-Party

Dieser Kommentar wurde am 3. April auf SRG-insider das erste Mal publiziert. 

Die letzte Seite war die erste: Als Kind liebte ich Lesebriefe. Ich fand es spannend, zu sehen, wie Menschen denken, ihre Empfindungen und Gedanken in Worte packen. Der unverhohlene Ton machte das Lesen kurzweilig und die offen ausgetragenen Konflikte bildeten einen Kontrast zu den ergrauten Printkommentatoren. Mit dem Aufkommen der Sozialen Medien konnte ich auch mitdiskutieren. Was für Eminem die Strasse ist, waren für mich die Kommentarspalten auf Facebook: Hier konnte ich meine Argumente auf der Bühne des Internets erproben. Ich stürzte mich in Online-Debatten. Stritt mit Fremden bis Trolle die Diskurse enterten und sie in eine Meinungssuppe der Misanthropie verwandelten. Ich schoss zurück, provozierte, agitierte. Vergebens. Mit gestrecktem Mittelfinger zog ich mich zurück. Hate yourself!

Ich blieb abstinent. Hielt mich raus. Bis vor zwei Wochen als ich in den Kommentaren stecken blieb, die den Aufruf von fünf Frauen zum ‹Women's March› in Zürich behandelte. Ich fand mich im virtuellen Bürgerbräukeller wieder: Da wurde gehasst, wie ich es nur aus den Geschichtsbüchern kannte. In einem Tag las ich 1’500 Kommentare, reagierte auf Dutzende, reichte bei der Polizei zwei Anzeigen ein. Trolle sind eine Minderheit, die sich zu einer Mehrheit aufplustern und mit ihrem aggressiven Gebaren eine selektive Gravitationskraft schaffen: Ihresgleichen anziehen, vereinigen und Vernünftige mit Hass vertreiben. Sie klopfen sich auf die Schultern und feiern ihre Unverfrorenheit. Wir müssen diese Party crashen.

Das deutsche Justizministerium geht voran und hat einen Gesetzentwurf vorgelegt. Geht es nach ihnen, sollen zukünftig soziale Plattformen, die es verpassen, Hassposts in nützlicher Frist zu entfernen, mit hohen Bussen belegt werden. Ein Anfang. Doch das reicht nicht. Es liegt an der Community, Trolle in die Schranken zu weisen. Es braucht Zivilcourage. Counter Speech. Wir müssen im virtuellen Raum adaptieren, was in der Realität ganz gut funktioniert. Menschen die angegriffen werden, schützen; humanistische Werte mit dem Touchscreen verteidigen. Zivilen Widerstand leisten.

Wie tut man das am besten? ‹Dem Hass begegnen, lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt›, schreibt die deutsche Philosophin Carolin Emcke in ihrem Buch ‹Gegen den Hass› und artikuliert, was auch online gelten soll: Provokationen, Wertungen, Beleidigungen vermeiden; mit freundlichem Ton ins Leere laufen lassen. Hassredner sachlich auf ihre Vergehen aufmerksam machen, die bestehenden Meldeinstrumente der Plattformen aktiv nutzen und Kommentare, die das Gesetz brechen, bei der Polizei anzeigen. Nicht wegsehen. Normverstösse verurteilen, so sozialen Druck aufbauen und Unflätigkeit darin ersaufen lassen. Trolle sind mächtig, weil man ihnen Platz macht und sich aus Faulheit und Gründen der Psychohygiene zurückzieht. Wie ich es tat. Es geht im reellen und virtuellen Leben darum, dem Hass keine Deutungshoheit zu überlassen. Vergrämen wir also die Wutbürger mit dem Lärm des Anstandes.

 

Der Kollaps

Für das Online-Magazin Coup habe ich eine grosse Reportage geschrieben zum Kulturwandel in den Schweizer Spitälern. 

Das Online-Magazin schreibt dazu: «Es brodelt an den Spitälern. Die Erwartungen immer mehr junger Ärztinnen und Ärzte lassen sich nicht mehr gut mit dem hierarchischen, leistungsorientierten System vereinbaren. Der junge Journalist Elia Blülle hat wochenlang recherchiert und über 20 Gespräche geführt. Er zeigt exemplarisch den Fall eines jungen Arztes, der knapp am Kreislaufzusammenbruch vorbeischrammt. Daneben stellt er die Erwartungen von Spitzenmedizinern, welche kritisieren, dass Hochleistungen mit dem neuen Arbeitsgesetz illegal geworden sind und mehr administrative Entlastung fordern. In der Geschichte schafft Elia Blülle für diese Art von Journalismus Zentrales: Er lässt seiner eigenen Ungewissheit darüber, was getan werden müsste, Raum. Er zeigt mehr, als er interpretiert.»

Den Artikel lesen unter www.coup-magazin.ch

 

Don't Feed the Show

Diesen Sommer bin ich per Anhalter quer durch die USA gereist. Mein Ziel war es, Amerikaner besser zu verstehen; mit den Menschen in Kontakt zu treten, die das Substrat für Phänomene wie Trump bilden, im Glauben daran, dass die USA so etwas wie das Orakel Europas seien. Vieles das bei uns mündet, quillt auf der anderen Seite des Ozeans.

Aufgebrochen bin ich um Klischees zu konfrontieren, in Zürich gelandet mit neuen im Rucksack, der grossen Ernüchterung, dass es dieses freie Amerika aus meinen Lieblingsbüchern von Hemingway, Kerouac, Capote nie gegeben hat, nicht mehr gibt oder ich daran vorbeigebraust bin und «oh sweet boy, you haven’t been to the south yet».

Die US-Wahlen? Dazu ist alles gesagt. Sie sind ein dankbares Thema, beinhalten was ein Drama benötigt: Macht, Emotionen, Hass, Wut, Sex. Ein Selbstbedienungsladen und darum wird so viel darüber geschrieben, diskutiert, geklickt. Was kann ich noch dazu beitragen? Nicht viel. Darum steige jetzt aus, wenn du genug hast. Ich würde es tun. 

 

 

*   Die US-Wahlen 2004 waren das erste politische Grossereignis, dem ich meine Aufmerksamkeit schenkte. Bush gegen Kerry. Der Plot war perfekt: Ein kriegstreibender Bösewicht gegen den charismatische Demokraten John Kerry und so viel wusste ich als Primarschüler ins Schachbrett-Raster einzuordnen – Krieg böse; demokratisch irgendwie gut. Das packt. Ich war wütend, als die Amerikaner den fleischgewordenen Dr. No für weitere vier Jahre zu ihrem Anführer gewählt hatten.

Vier Jahre nach dem Bush-Debakel, der nächste Thriller: Wir ordneten im Fussball-Training die Mannschaften nach McCain- und Obama-Befürwortern. Im apolitischen Milieu des Provinzfussballs, begeisterten sich pubertierende, mehrheitlich bildungsferne Jungs, für die US-Wahlen. In keinem Training davor und danach zählte ich mehr Blutgrätschen.

Um mein Leben in der Retrospektive zu filetieren, brauche ich Fixpunkte. Bei mir sind das US-Wahlen; um sie wattiere ich meine Erinnerungen. Das ist absurd: Wir dürfen nicht einlegen, die Präsidentschaft betrifft unsere lokale Lebenswelt nicht im Geringsten und trotzdem befinden sich diese Elections in unserem Aufmerksamkeitszentrum. 

 

***Es – gibt – keinen – Weltmonarchen***

Was ist der Appeal? Die Amerikaner wählen hoffentlich die mächtigste Frau der Welt. Die mächtigste Person der Welt? Das eine so wohlklingende, einfache Zuspitzung, die sich über Headlines in den politischen Wortschatz eingeschlichen hat. Scheint harmlos, ist es aber nicht: In Demokratien hat der Superlativ von Macht nichts verloren. Zugestanden, das reformbedürftige politische System der USA erlaubt den Personenkult, doch das ein amerikanischer Präsident nur das ist, was seine Staatsorgane, Administration und Auslandpartner sind, haben die Obama Legislaturen deutlich gezeigt.

Die Amerikaner wählen keinen Weltmonarchen. Die USA sind ohne Frage wichtig, aber nicht so. Der Superhype um die Präsidentschaftswahlen hat in diesem Jahr nicht nur in den USA, sondern auch in Europa Black-Hole-Dimensionen angenommen: Wie ein galaktischer Staubsauger, absorbieren sie was an Aufmerksamkeit da ist und hinterlassen eine Wüste der Verdrossenheit. TrUmp Clinton cLinton Der TrUmp Genozid ClinTon in TruMp Syrien TrUmp TRUMP, ClInton der TRUMP TRUMp türkische CLinton TrUMp Diktaturspross ClinTOn werden TrumP an TrumP die  Clinton Wand gedrückt vom blinkenden stars-and-stripes Riesenelefanten.

 

OMG! Trump geht mit mir ins Bett!!!

Was ich den USA gelernt habe: Politikverdrossenheit ist ein Donald Trump-Pickel. Die Menschen sind überfordert, verschliessen sich, im Getöse gehen die feinen, vernünftigen Stimmen und die wahren politischen Herausforderungen unter. Habe ich gefragt, was denn sonst die anderen drei Jahre ohne Präsidentschaftswahlen auf Interesse gestossen sei, «well, you know, there was a vote on cannabis legalisation». Und Verschwörungstheorien, so krude und unfundiert, dass selbst der Kopp-Verlag sie nicht drucken würde.

Ich bin zum Ende dieses US-Wahlkampfes so politikbesoffen, dass ich jeden Link, jede Headline, jedes Gespräch, dass sich mit dem US-Wahlkampf auseinandersetzt, von mir stosse. Aufmerksamkeit ist ein begrenztes Gut, wir richten es auf Dinge, die uns interessieren, aber auch auf solche die mit Pauken und Trompeten darum buhlen. Ist sie verbraucht, fehlt sie bei anderen Themen oder wir haben keine Lust mehr, sie überhaupt noch auf Politik zu richten. Das nennt sich dann Verdrossenheit. In Zeiten in denen vernünftige Politik auf dem Aufmerksamkeitsmarkt so sexy ist wie Birkenstocksandalen, gilt es, sie vor populistischen Einfällen zu schützen. Ich für meinen Teil habe diesen Wahlen zu viel Raum gegeben: Trump begrüsst mich auf Twitter zum Morgenkaffee und Clinton trällert mir am Abend via Facebook ein Gutnachlied.  

Was habe ich gelernt? Dieser egozentrische US-Wahlkampf ist zu prominent. Nach zwei Monaten Transamerika ist mir kein Unterschied aufgefallen: Hier und da, haben die Wahlen denselben Stellenwert. Es geht jede Verhältnismässigkeit verloren. Der globale Fokus auf diese Art von amerikanischer Show-Politik vergiftet, engt den Horizont ein und zementiert den weitläufigen simplifizierten Fehlglauben einer westlichen Kulturherrschaft. Dieser Wahlkampf hat während eines Jahres Zwecknegativismus verbreitet; der Effekt ist politische Müdigkeit und die Bekräftigung derjenigen Stimmen, die sowieso behaupten Politik sei instrumentalisiert, verändere nichts und habe keine Visionen mehr.

 

Das letzte Mal Trump

Unabhängig davon wer am Dienstag gewinnt, Trump hat gewonnen. Nach zwei Monaten auf der Strasse weiss ich, was die Mischung aus Segregation, Polizeiwillkür, Arbeitslosigkeit und Kriminalität mit den Menschen am Ende der Nahrungskette macht. Die Wut, das Unverständnis. Nährboden für Fliegenfänger wie Trump. Die einzige Möglichkeit sich solchen Bewegungen entgegenzustellen, ist das Argument. Lösungen, Wahrheiten lassen Wutpolitiker ins Leere laufen.  Das braucht Geduld, scheint ineffizient, doch die Praxis bestätigt: Hillary Clinton stand (hoffentlich) dann als Siegerin fest, als sie in den Fernsehdebatten mit ihrer argumentativen Überlegenheit gewann, ohne Animositäten.

Ich befürchte das Model Trump wird Schule machen, auch in Europa. Wir müssen lernen unsere Aufmerksamkeit wieder so zu ordnen, dass diese Polterfürsten beim Warmlaufen untergehen. Sie nicht verharmlosen, aber sich nicht ihrem Stil anpassen. Ihre Gefahr aufzeigen, sie aber nicht grösser machen, als sie sind. Das Argument gewinnt, immer, auch wenn es lange nicht danach aussah. 

Rambojournalisten in Town

Der Vierfachmord von Rupperswil ist aufgedeckt. Der Katalysator der geografischen Nähe hat auch meine emotionale Bestürzung verstärkt: Rupperswil ist die Nachbargemeinde meines Wohnortes, der mutmassliche* Täter hat Junioren trainiert, gegen die ich als Kind Fussball spielte und wir drückten bei denselben Mittelschullehrern die Schulbank. Ich kenne ihn nicht und gleichwohl bin ich nicht gefeit vor Verknüpfungen. Ein medialer Bankrott in drei Teilen.

1. Gibt es Klicks, scheiss auf Sorgfaltspflicht

David Wiederkehr, Sportredaktor beim «Tagesanzeiger», twitterte den Ausschnitt einer SMS-Konversation zwischen ihm und einem Blick-Journalisten. In dieser Textpassage fordert der Blick-Journalist seinen Kollegen dazu auf, er solle ein richtiges Foto des Täters auftreiben, da ansonsten eventuell ein Unschuldiger diffamiert würde. Wir halten zwei Dinge fest: 

  1. Der entsprechende «Blick»-Journalist versuchte durch eine Erpressung an ein Foto des Täters zu gelangen und…

  2. nimmt in Kauf ein Foto von jemandem zu veröffentlichen, bei dem er sich nicht sicher ist, ob er auch wirklich der Täter ist.  
2. Der Name ist Sippenhaft

Der Deutsche Pressekodex legt in seinen publizistischen Grundsätzen fest: «Die Presse veröffentlicht [...] Namen, Fotos und andere Angaben, durch die Verdächtige oder Täter identifizierbar werden könnten, nur dann, wenn das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit im Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegt.» Betroffen sind im vorliegenden Fall der Täter und sämtliche Personen die mit ihm in Verbindung gebracht werden könnten.

Der Bruder des Täters wurde in verschiedenen Artikel mit Angaben zu Wohnort und Familienverhältnis erwähnt. In Kombination mit dem Namen des Täters ist es für jeden Hobbygoogler ein Leichtes, die Adresse, die Namen der Kinder, Arbeitsplatz ausfindig zu machen. Die Region Aarau ist ein kleinräumiges Gebiet. Man kennt sich. Fragen wie «Stimmt es, dass dein Onkel vier Menschen gekillt hat» werden kommen, wenn Journalisten nicht aufpassen. 

Die Angehörigen haben ein Anrecht darauf, selbst zu entscheiden, ob sie mit dem Täter in Verbindung gebracht werden möchten. Ihre Würde hat oberste Priorität, auch sie sind indirekte Opfer. Dessen ungeachtet teilten auf Twitter diverse Journalisten und Journalistinnen leichthin den Nachname des Täters. Es ist klar, wer will, kommt auch ohne Hilfestellung der Journalistengilde an die Persönlichkeitsangaben und doch ist die Posaune lauter als eine Flöte. Es liegt in der Pflicht der Journalisten und Journalistinnen mit ihrer erhöhten Wirksamkeit in der Öffentlichkeit verantwortungsvoll umzugehen. Im Falle eines eingesperrten Täters, von dem keine Gefahr mehr ausgeht, besteht kein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit, den Namen zu erfahren. Die Privatsphäre der Angehörigen ist zu wahren; das ist Opferschutz. Es gilt, was der Supportdienst von Twitter rät: «Erst denken, dann twittern.»

3. Du schreibst über Bin Laden? Du Sau!

Die «Schweiz am Sonntag» hat die Maturitätsarbeit des Täters ausfindig gemacht und schreibt: «Seine Interessen für Gewalt und Zerstörung schienen schon seit Jahren in ihm zu schlummern. Seine Matura-Arbeit verfasste er über den Terroristen Osama Bin Laden und die Anschläge von New York.» Mit Bezug auf diesen Artikel doppelt der «Blick» nach: «Die Bestie von Rupperswil hatte offenbar schon als Schüler eine Faszination für Gewalt.»

Das ist ein haarsträubender unzulässiger Umkehrschluss und geifernde Küchenpsychologie. Aber viel schlimmer ist auch hier wieder die vernachlässigte Sorgfalt. Die «Wahrung der Menschenwürde» steht nicht nur als erstes Grundrecht in der Bundesverfassung, sondern auch in den Richtlinien des Schweizer Presserates. Auch «die Bestie» hat Anrecht auf Würde. An den Haaren herbeigezogene Interpretationen seiner Psyche als Mittel für höhere Klickzahlen, sind eine eindeutige Verletzung dieser Devise. Die scheinbare Proportionalität zwischen Schwere der Tat und Rücksichtslosigkeit der Journalisten ist beschämend. 

Willkür, Pranger und Würdeverletzungen. Ich gehöre nicht zu denen, die pauschal den Boulevardjournalismus in die Schmuddelecke verorten, doch muss es möglich sein, auch wenn es um Verbrecher geht, moralische Leitlinien zu wahren. Wenn Journalisten potentiell billigen, dass ein beliebiger Fussballtrainer fälschlicherweise als Mörder deklariert wird (siehe Bild), ist das ein Vertrauensbruch gegenüber den Lesern und der allgemeinen Öffentlichkeit. Ich habe Fussball gespielt, lebe in der Region, besuchte im selben Ort die Kantonsschule. Bin ich sicher vor Verknüpfungen? Bei solchen Praktiken müssen wir uns nicht wundern, dass die Medien an Kredibilität verlieren und Trolle die Kommentarspalten vergiften; sie haben kein besseres Vorbild. Ich für meinen Teil habe präventiv die Maturitätsarbeit des Täters für die nächsten Monate bei der Kantonsschule reserviert. Weitere Psychoanalysen auf der Basis eines 13 Jahre alten Dokumentes ertrage ich nicht mehr. 

* «Jede Person gilt bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.», StPO 312